Die Löffel sind in der Spülmaschine

An guten Tagen habe ich sechs bis acht, an schlechten nur zwei bis drei zur Verfügung.
Gestern war ein Spitzentag.
Außergewöhnlich gut - mit elf Löffeln im Gepäck.

Schon beim Aufwachen spüre ich, dass ich nichts spüre. 
Mit geschlossenen Augen atme ich sanft ein und aus, ein und aus; öffne drei Minuten später - mit meinem fertigen Tagesplan im Kopf - meine Augen.
Weil die Leichtigkeit meist direkt nach dem Aufstehen verschwindet, marschiere ich fix ins Bad. Ich
dusche, inklusive Haarewaschen und Locken drehen. Ein leichtes Ziehen kriecht vom Nacken über
den Kiefer bis zur Schläfe hoch. Das leise Ohrenrauschen höre ich nur, weil ich mich darauf konzentriere.
Mit der Faszienrolle mache ich ein paar Dehnungsübungen, ziehe mein neues Shirt und eine Shorts
an, binde mir einen Pferdeschwanz und mache Frühstück. Statt Kaffee gibt es grünen Tee und ein
Kännchen Kamille- und Fenchelaufguss, denn das beruhigt meinen tablettengestressten Magen. Dazu
ein Vollkornbrötchen mit Käse, so bleibt der Blutzucker niedrig. Leider funktioniert das weder mit
Weißbrot noch mit Eszett-Schnitten.
Etwas später gibt es ein Porridge mit Beeren, das viel besser schmeckt, als es aussieht. Naja, ein
bisschen besser schmeckt, als es aussieht. Aber immerhin satt macht und ein wohliges Gefühl im
Magen hinterlässt.
Nach einem kleinen Spaziergang setze ich mich an meinen Laptop und öffne mein Buchprojekt.
Zweieinhalb Stunden später ist der Plot fast fertig. Und ich auch!
Mit einem breiten Grinsen falle ich auf die Couch; eine doppelte Dosis japanisches Heilöl auf den
Schläfen und im Nacken. Ich atme tief ein und aus, wieder ein und aus. Mit meinem Cefaly - einem
Mikroimpulsgerät für die Stirn - überlege ich, was ich heute noch alles tun könnte. „Nicht jedem
Impuls nachgeben, erst in sich hinein hören und bedacht handeln,“ höre ich meine Schmerztherapeutin flüstern.
„Wird gemacht!“, denke ich, rufe eine Freundin an und verabrede mich für den frühen Nachmittag
zum Programmkino. Leiser Film, sanfte Impulse. Wunderbar.

Zur Feier des sonnigen Mittwochs gehen wir noch einen Kaffee trinken. In einem kleinen Café, weit
weg von den Musikboxen, in einer Nische. Herrlich.
Ich fahre beseelt nach Hause und bin immer noch fit!
Mit meiner Familie spiele ich eine Runde „Phase 10“. Das haben wir ewig nicht mehr gemacht. Aus
der einen Partie werden zwei. Inklusive einer Grundsatzdiskussion zu den Rechten und Pflichten
pubertierender Töchter. Auch hier helfen Atemtechniken weiter!
Nach dem Abendessen schnappe ich mir ein Buch. Vielleicht hält die schmerzarme Phase ein
bisschen an, hoffe ich. Vielleicht bringen die neuen Medikamente, Spritzen und Infusionen endlich
eine Besserung? Mit der Lesebrille auf der Nase schlafe ich ein.

Mitten in der Nacht wache ich auf. Ein dumpfes Gefühl zieht vom Nacken über die linke
Gesichtshälfte. Mein linkes Auge tränt, der Kiefer pocht. Hände, Füße und Nasenspitze sind eisig. Ich
ziehe die Decke fester um mich; versuche, die Schmerzen zu ignorieren. Warte. Nehme ein Triptan
und rechne den vergangenen Tag zusammen: Duschen und Haarewaschen haben zwei Löffel Kraft
gekostet, frühstücken und Gymnastik einen, Schreiben vier, Kino und Kaffee trinken zwei, nach Hause
fahren, spielen und lesen nochmal zwei, ergibt insgesamt elf Löffel.
Nun sind keine Löffel mehr übrig.
„Alle in der Spülmaschine,“ überlege ich, während ich wach liege und auf den nächsten Tag hoffe.

„Krrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr“, es scheinen nur wenige Minuten vergangen, der
Wecker klingelt. Viel zu laut.
Ich kann die Augen nicht öffnen. Mit geschlossenen Lidern nehme ich flirrende Lichter wahr. Hängt
eine Diskokugel über mir? Die linke Halsschlagader pocht, mir wird übel. Das sonst kaum hörbare
Brummen der Heizung hört sich an wie ein voll aufgedrehter Wasserhahn.
Ich schleppe mich zur Toilette, putze die Zähne und verkrieche mich wieder im Bett.
Und schlafe sofort ein. Es ist Nachmittag, bis ich wieder wach werde. Nun kann ich die Augen öffnen
und langsam ins Bad gehen. Immerhin. Ich schleppe mich in die Küche, mache mir einen Tee, esse
eine Scheibe trockenes Brot und versuche mich wach zu halten.
Zehn Minuten später liege ich wieder flach.
Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf.
Der produktive Vortag scheint unendlich weit weg.
„Ich habe mir doch so viel für heute vorgenommen“, grüble ich.
Am meisten Kraft kostet es mich, meine eigenen, enttäuschten Erwartungen in neue Hoffnung
umzuwandeln. Aber ich gebe nicht auf.

Das ambitionierte Buch mit tiefen Einblicken & 

wahrhaftigen Gedanken gibt es on- und offline. 


Infotext
Ich kann immer noch nicht wie die anderen Vögel fliegen. Aber ich habe gelernt, dass am Boden zu gehen, eine ebenso gute Alternative ist, um vorwärtszukommen. (Anne Möller) 
Ein wunderbares Buch, in dem die Sieger*innen und eine Auswahl der zahlreichen Zusendungen des 4. b-bobs-59-Wettbewerbs für Menschen mit Beeinträchtigungen vertreten sind. Es ist einer der wenigen Wettbewerbe, bei dem Autor*innen mit physischer oder psychischer Beeinträchtigung zusammen teilnehmen können. Dadurch sind die Perspektiven auf einen Neuansatz im Leben nach Unfall oder Erkrankung sehr unterschiedlich. Doch gemeinsam ist, dass der Mut zum Leben von den Protagonist*innen der Texte immer selbst ausgeht. Es stellt sich für alle die Aufgabe, ein neues Verhältnis zur Welt zu schaffen. Nicht immer gelingt es, häufig bedarf es mehrerer Versuche. Und die sie umgebende Gesellschaft? Stellt sie sich in ihrem Zugang auf die Menschen mit Beeinträchtigung ein? Dieses Buch versucht dazu beizutragen, um Gefühle, Denk- und Handlungsweisen von Menschen mit Beeinträchtigung aufzuzeigen, damit Möglichkeiten des Aufeinanderzugehens zu umreißen. Es gibt keine Patentrezepte zu einem Miteinander, außer der Bereitschaft des Zuhörens und der gegenseitigen Achtung. Die beinahe 100 Autor*innen dieses Buches mit ihren Erzählungen, Kurzgeschichten und Gedichten geben dazu die Chance.
Leben will sich neu entfachen
4. b-bobs-59 Literatur-Wettbewerb für Menschen mit Beeinträchtigungen. 
Die Auswahl-Anthologie mit allen Siegerbeiträgen
Softcover - ISBN.: 9783866859371
14,80 €

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